Von:
Martin Hoepfner

e-werte.de

Neulich war ich beim Arzt. Ich war schon im Behandlungszimmer, als eine ältere Dame hereinkam. Sie hatte mit einem Rezept Medikamente für ihren Mann abgeholt und nicht alles bekommen. Nun war es an dem Arzt, der Frau zu erklären, dass sie nicht die Medikamente von seinem Rezept bekommen kann, wenn sie das Rezept eines anderen Arztes einlöst. 25 Minuten sprach er mit ihr, der Apotheke, dem anderen Arzt – und begegnete dabei der alten Frau mit einer Ruhe und Güte, die mich tief beeindruckt hat. Andere hätten schon längst die Fassung verloren. Dieser Arzt nicht. Er hatte Respekt vor ihrem Problem. Ihm war diese Frau trotz aller Schwierigkeiten etwas wert.

Diese Situation machte mich nachdenklich. Wie verfahre ich in solchen Situationen?

Wenn mir Menschen zu umständlich sind, mach ich manche Dinge lieber selbst. Aber verbaue ich nicht genau damit der Person die Möglichkeit, sich zu entwickeln? Und auch wenn Arbeitsabläufe für mich zu umständlich aussehen, vielleicht ist es für denjenigen genau das richtige? Und überhaupt: Warum soll immer alles „hopplahopp“ gehen?

Oder wenn Menschen etwas vergessen oder nicht so machen, wie abgesprochen: Über was ärgere ich mich eigentlich am meisten? Dass andere etwas verschusseln, oder wenn ich selbst etwas vergesse? Und ist es oft nicht auch egal, ob „Kleinigkeiten“ getan sind oder nicht? Wer von uns hat denn noch nie was vergessen?

Und wenn Menschen nicht so mit mir sprechen, wie es sich gehört – nämlich mit Freundlichkeit und Respekt – da kann ich auch schon mal deutliche Worte finden und im gleichen Ton antworten. Aber ist das immer so gut? Verliere ich dabei nicht auch den Respekt vor meinem Gegenüber?

Sonderlich evangelisch sind meine Gedanken nicht. Sie sind meine persönlichen Gedanken. Und meine Hoffnung ist es, dass ich – dass wir alle – lernen, andere Menschen grundsätzlich als wertvoll zu betrachten, denn: sie sind – wie wir alle – Geschöpfe Gottes. Und Gottes Tiergarten ist bekanntlich bunt. Unsere Aufgabe als Christinnen und Christen ist es, jedes Geschöpf dieses „Tiergartens“ anzunehmen in Liebe. Denn ich habe nur dann das Gefühl, etwas wert zu sein, wenn die Menschen um mich herum mich auch als wertvoll behandeln.